Warum wir uns im Winter anders fühlen, als im Sommer

– Und wie wir damit umgehen können.

“…denn es war Winter, und im Winter gab es weniger Arbeit.”

Dieser beiläufige Satz aus einem meiner Lieblingsbücher hat mich neulich sehr nachdenklich gemacht.

Mit den Jahreszeiten verändert sich alles rund um uns, nur unsere Erwartungen an uns selbst bleiben immer gleich: wir arbeiten immer gleich viel, wollen in den gleichen Dingen gleich produktiv sein, essen im Winter Großteils gleich wie im Sommer und ziehen unser Training mal mehr mal weniger durch.

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Kannst du dich an den letzten Sommer erinnern? An das Gefühl, wenn deine Haut nach Sonne riecht, wenn die Tage lang sind und die Abende lau?

Und wie ist dagegen dein Gefühl zum Winter? Wenn es draußen das erste Mal unter 0 Grad hat, die Luft nach frischem Schnee riecht und nach Nebel, die Welt vor dir in Grau und Weiß gehüllt ist, und es um 17:00 schon stockdunkel ist.

Für mich liegen da Welten dazwischen. Im Winter bin ich ein anderer Mensch als im Sommer. Und trotzdem erwarte ich von mir, dass ich dasselbe tue, auf die gleiche Art und Weise, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Seien wir ehrlich: das ist doch Blödsinn. Und Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Der Grund dafür, dass im Winter anderes Training, andere Ernährung und andere geistige Aktivitäten besser funktionieren, ist Licht.

Davon gibt es im Sommer mehr als im Winter. Aber nicht nur das, es gibt im Sommer auch anderes Licht, nämlich mehr UV-Licht und mehr Infrarot-Licht.

Interessant: jede Lichtquelle wirkt biologisch anders auf deinen Körper, egal ob natürliches Licht oder künstliches. Die Lampe, die gerade dein Zimmer erhellt, beeinflusst deinen Stoffwechsel, deinen Hormonhaushalt, deinen Energiehaushalt, deinen Vitaminspiegel, deinen Schlaf, die Fähigkeit deines Erbguts, sich zu erneuern, und so weiter und so fort – aber der Reihe nach.

 

Was ist Licht überhaupt, und wie wirkt es auf den Körper?

Stell dir vor, die Sonne ist eine Radiostation: sie sendet Strahlung in allen möglichen Wellenlängen und Frequenzen aus. Die Radiostation ist ziemlich ineffizient – nur 0,01 % der Strahlungen erreichen uns auf der Erde. Und von diesem winzigen Teil können wir wiederum nur einen Bruchteil mit unseren körpereigenen “Geräten” empfangen. Das was wir normalerweise ‘Licht’ nennen, ist nichts anderes als der sichtbare Anteil dieser Strahlung. Der Rest besteht u. a. aus UV- und Infrarotstrahlung.

Um unseren körperlichen und geistigen Zustand in Winter und Sommer zu verstehen, geht es besonders um diese drei Arten der Strahlung: Infrarot, UV, sichtbares Spektrum.

Wie diese drei auf uns wirken hängt davon ab, wie viel davon da ist, in welcher Wellenlänge sie kommen und welche Strahlung von unserem Körper empfangen und verarbeitet werden kann.

Hier wird es spannend: jede unserer Zellen enthält besondere Lichtantennen, um bestimmte Lichtfrequenzen aufzunehmen, zu verarbeiten und mit der Energie sämtliche Funktionen unseres Körpers zu koordinieren!

 

Warum wir im Winter öfter müde sind

In den Augen sitzen Zellen, die nicht zum Sehen da sind, sondern um verschiedene Lichtsignale zu lesen und zu interpretieren. Diese Infos leitet es ans Gehirn weiter, wo dementsprechende Signale gegeben werden: einschlafen, aufwachen, aktiv sein, verdauen, Leistung bringen, runterfahren, Fett einlagern, usw.

Besonders empfindlich sind diese Zellen auf blaues Licht. Licht in diesem Spektrum bedeutet für unser Gehirn “Es ist Tag!”. Wir werden wach, agil, und aktiv. Soweit ganz gut – blöd nur, wenn das kurz vor dem Schlafengehen passiert, weil unser künstliches Licht und unsere Bildschirme x-mal so viel Blaulicht ausstrahlen, wie das Gehirn es vom Tageslicht gewöhnt ist.

Und was passiert bei zu viel Blaulicht, noch dazu zur falschen Zeit (abends)? Unser Gehirn kommt durcheinander, es entstehen Schäden in Augen- und Nervenzellen, Zellen werden schlechter repariert, der Stoffwechsel entgleist, und das Auge produziert kein Dopamin mehr – das ist schlecht für die Motivation, strukturiertes Denken, die Laune und das Essverhalten.

Es liegt nahe, dass der bewusste Umgang mit Licht so manche Winterdepression verhindern könnte, oder nicht?

Was wir tun können: wenn es hell ist raus gehen, jede Menge Kerzen kaufen, auf unseren Geräten Blaulichtfilter installieren (zum Beispiel f.lux), abends den Fernseher aus lassen, wenn es draußen dunkel wird auch drin für gedimmtes, eher warmes Licht sorgen, und in kompletter Dunkelheit schlafen. Das wäre ein guter Anfang. Und wenn man es nicht nur ‘gut’, sondern sogar ‘hervorragend’ machen will, schaut man sich noch an, was UV- und Infrarotlicht mit unserem Körper machen.

Exkurs: Die Sache mit den Tageslichtlampen

Es gibt spezielle Tageslichtlampen, die uns durch den Winter helfen sollen, indem sie das Licht der Sonne simulieren. Hier ist, was ich dabei rausgefunden habe:

Die meisten Hersteller werben damit, das natürliche Licht der Sonne durch ihre besonders hellen Tageslichtlampen zu ersetzen. Dabei gibt es nur ein entscheidendes Problem: bei keiner einzigen auf Amazon angebotenen Tageslichtlampe war die Rede von Vollspektrum-Licht. Vollspektrum bedeutet, dass das Licht aus all den “Farben” besteht, aus denen auch das Sonnenlicht besteht. Und dass diese Tageslichtlampen das nicht haben bedeutet, dass wir uns hier wieder einem unnatürlichen Licht aussetzen, das dementsprechend wirkt. Manche Hersteller werben sogar noch damit, besonders hohe Blaulichtanteile zu haben, weil uns ja besonders Blaulicht wach und agil macht. Das wäre fast schlau – schade nur, dass wir durch unseren Alltag vor Bildschirmen und unter Kunstlicht schon komplett mit Blaulicht übersättigt sind. Ich habe eine einzige Lampe gefunden, die mit Vollspektrum wirbt: die kostet 400 Euro, UV- und Infrarotbereich sind höchstens homöopathisch enthalten und der Blaulichtanteil dominiert. Naja.

(Es gibt weitere Lampen, die mit “LED-Vollspektrum” werben. Da keine Spektralanalyse beiliegt und die Formulierung nicht klar ist, ob das volle Spektrum der Sonne oder das volle Spektrum einer herkömmlichen LED-Lampe gemeint ist, bin ich skeptisch.)

So habe ich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Tageslichtlampe gekauft, halte aber weiterhin die Augen nach einer Variante mit Vollspektrum offen, weil ich die Idee an sich interessant finde.

Das böse UV-Licht – schütze sich, wer kann

UV-Strahlung ist unersetzlich, um unsere innere Uhr zu stellen und damit den Stoffwechsel und alle möglichen Lebensfunktionen im Gleichgewicht zu halten.

Sie ist nötig, um Reparaturvorgänge in unserem Erbgut anzustoßen und um Melanin zu bilden, das unter anderem unsere Haut bräunt, sie vor zu viel UV-Strahlung schützt und als eine Art Batterie dient: Melanin speichert die Energie der auftreffenden Strahlung und wandelt sie in nutzbare Energie für unsere Zellen um.

Das alles passiert natürlich nur, wenn die UV-Strahlung auch unsere Haut und unsere Augen erreicht. Das verhindern wir leider viel zu oft mit Sonnencreme und Sonnenbrillen – ein Desaster für unseren Körper.

Ohne das volle Tageslichtspektrum inklusive UV-Licht geht der geregelte Schlaf-Wach-Rhythmus flöten, es wird weniger Melatonin gebildet, was grünen Star und Makuladegeneration wahrscheinlicher macht, der Dopaminspiegel im Gehirn sinkt, was zu Antriebslosigkeit führt, die Augen werden anfälliger für lichtbedingte Zellschäden, weil kein Melanin gebildet wird, und die Muskeln des Auges erschlaffen, was zu Kurzsichtigkeit führt.
Und das sind nur die Dinge, die das Auge betreffen. Der Dauerschutz vor dem ach-so-gefährlichen UV-Licht kann Vitamin-D Mangel verursachen, der ja längst ein Massenphänomen ist, während die Hautkrebsraten jedes Jahr steigen.

Exkurs: Solarium die Lösung für UV-Mangel im Winter?

Im Solarium wird hauptsächlich UV-A Strahlung abgegeben, weil das der Teil der UV-Strahlung ist, die uns Melanin bilden lässt und uns damit braun macht. In der Natur wird UV-A immer gemeinsam mit UV-B ausgestrahlt, im Solarium leider nicht. UV-A ohne UV-B steigert das Hautkrebsrisiko und stört die Vitamin-D-Produktion. Das Solarium ist für die Gesundheit also eher schädlich als hilfreich.

Die Lösung im Sommer: vernünftiges Sonnenbaden. Ohne überflüssigen Schutz, ohne Sonnenbrille, aber auch ohne Sonnenbrand, denn wie bei allen guten Dingen macht die Dosis das Gift. Ein wichtiger Tipp, um die Sonne besser zu vertragen: Fisch essen. Am besten Salzwasserfisch mit hohem Fettanteil, wie Lachs, Thunfisch, Hering oder Makrele. Diese enthalten die marinen Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA, die dem Körper helfen, die auftreffende Sonnenergie weiterzuverarbeiten und dadurch u.a. die Vitamin-D-Produktion zu steigern.

Die Lösung im Winter: rausgehen wenn’s hell ist, ist wichtig. Aber durch den Einfallswinkel der Sonnenstrahlung kriegen wir von Oktober bis April in der Regel nicht genug UV-Licht ab, egal wie viel wir in der Sonne stehen. Anja Leitz, die Autorin des Buches, das mir als Sekundärquelle für diesen Artikel dient (Better Body Better Brain) empfiehlt: UV-Lampe kaufen, wie sie üblicher Weise für Terrarien verwendet werden und jeden Tag 15 Minuten im UV-Licht baden. Sie schlägt eine 100 W UV-A und UV-B-Lampe mit Aluminium-Lampenschirm vor, der das UV-Licht reflektiert. Damit habe ich selbst noch keine Erfahrung, werde ich aber diesen Winter ausprobieren. Wichtig ist: wer UV-Licht tankt, sollte auch Infrarot tanken. Marine Fettsäuren scheinen auch im Winter extrem wichtig zu sein, um gut mit Kälte und dem fehlenden Tageslicht klarzukommen.

 

Infrarot: ordnet, was UV durcheinanderbringt

UV-Licht regt zelluläre Vorgänge stark an, Infrarot beruhigt sie wieder. Das ist wichtig. Zellvorgänge, die mit “Beschleunigung” einhergehen, wie etwa Entzündungen, können durch Infrarotbestrahlung reduziert bzw. “entschleunigt” werden. In der Natur kommt UV-Strahlung immer mit Infrarotstrahlung gemeinsam. Infrarotstrahlung dringt tief in unseren Körper ein und verhindert Tumorwachstum, leitet Reparaturmechanismen ein, unterstützt die Behandlung von Autoimmunerkrankungen, wirkt antientzündlich, lindert Schmerzen, neutralisiert Lippenherpes, hilft unterstützend gegen Depressionen und “Winterdepressionen”, hilft bei rheumatischen Erkrankungen und Fibromyalgie, stärkt Immunsystem und Kreislauf, verbessert die Beweglichkeit der Gelenke, stärkt das vegetative Nervensystem, fördert den Abtransport von zellulären Giftstoffen, senkt den Blutdruck, wirkt oxidativem Stress entgegen und steigert die Energiegewinnung in den Zellen.

Ähnlich wie bei der UV-Strahlung kannst du in den wärmeren Jahreszeiten Infrarot über die Sonne tanken. Im Winter empfiehlt sich eine Infrarotlampe, vor Allem, wenn du auch eine UV-Lampe benutzt. Du kannst die Infrarot-Lampe gleichzeitig mit der UV-Lampe verwenden. Auch damit habe ich selbst noch keine Erfahrung gemacht.

 

Zusammengefasst

Unser Wohlbefinden hängt im Winter wie im Sommer zu einem großen Teil davon ab, ob wir hormonell “im Takt” sind. Um diesen Takt zu setzen, müssen wir richtig mit Licht umgehen. Das ist im Winter schwerer als im Sommer, und das fühlen viele von uns, wenn wir antriebslos und erschöpfter sind, als sonst.

Die Probleme zusammengefasst:

  • Zu viel künstliches Licht mit unnatürlichem Lichtspektrum
  • Zu viel Blaulicht zu den falschen Zeiten durch Bildschirme und Beleuchtung
  • Zu wenig Tageslicht
  • Zu wenig UV-Licht
  • Zu wenig Infrarot-Licht
  • Keine vollständige Dunkelheit nachts
  • Zu wenig marine Omega-3-Fettsäuren im Körper, um das vorhandene Licht optimal zu verarbeiten

Die Lösungen zusammengefasst:

  • Tagsüber Zeit draußen verbringen – jede Minute zählt
  • Geräte mit künstlichem Licht abends weniger verwenden und wenn, dann mit Blaulichtfilter oder Blueblocker-Brille
  • Licht drinnen an das Licht draußen anpassen – Abends Lichtquellen dimmen und für warmes Licht sorgen (Kerzen sind z. B. ideal)
  • In kompletter Dunkelheit schlafen (z. B. mit Schlafmaske, wenn dein Zimmer sonst nicht dunkel zu kriegen ist)
  • Im Sommer Sonnenschutz vernünftig einsetzen und auf Sonnenbrille verzichten
  • Jeden Tag 15 Minuten UV- und Infrarot-Licht tanken (im Sommer draußen, im Winter durch UV- und Infrarot-Lampen)
  • Möglichst oft marine Lebensmittel essen

Der richtige Umgang mit Licht ist die Basis für einen guten Winter. Das Ziel dabei ist nicht, sich im Winter genauso zu fühlen, wie im Sommer, sondern anders, aber genauso gut.

Der Winter lädt uns nämlich auch dazu ein, uns anders zu ernähren, uns anders zu bewegen und andere Dinge in unserer persönlichen Entwicklung anzugehen, als im Sommer. Aber eins nach dem anderen. Worte sind nur Worte, richtig interessant wird es, wenn wir die genannten Lösungsansätze für uns selbst ausprobieren, selber spüren, was sich verändert und unsere eigene Erfahrung daraus wird.

Dabei wünsche ich dir (und mir) viel Freude und Neugier. Ich freue mich über Austausch diesbezüglich, schreib mir gerne deine Erfahrungen, Gedanken oder ggf. Fragen dazu.

Michael