Tag 1: Erster Tag, erster Dämpfer.

Herber Rückschlag direkt beim ersten Training. Die Verletzung, die ich mir Anfang des Jahres zugezogen hatte, hat sich beim Front-Spagat-Test ganz am Anfang wieder gemeldet. Ein leichtes Ruckeln in der Rückseite des linken Oberschenkels, “Plopp plopp” und here we go again…

Mir sind schlagartig alle negativen Gedanken und Glaubenssätze in den Kopf geschossen, die ich zu Beweglichkeit habe: “Mein Körper ist dafür einfach nicht gemacht. Ich schaff das eh nie. Mein Bindegewebe bla bla bla. Was, wenn mich Mobility nur verletzungsanfälliger macht? Vielleicht kann ich niemals Spagat lernen, weil meine Hüfte dafür nicht gebaut ist! Vielleicht kann ich niemals die Brücke lernen, weil meine Brustwirbelsäule dafür nicht gebaut ist! Ich sollte mich aufs Krafttraining konzentrieren, das kann ich wenigstens.”

Da ist ziemlich viel Blödsinn dabei. Mein Kopf weiß das. Hochkommen tut’s trotzdem.

Ich hab trotzdem trainiert und dabei die linke Oberschenkelrückseite geschont. Brücke war anstrengend, null Beugung in der Brustwirbelsäule, alles aus der Lendenwirbelsäule. Verbesserungsbedarf. Die anderen Sachen gingen ganz gut für den Anfang. Ich freue mich darauf, Fortschritte zu sehen und wenn die Dehnungen anfangen, sich gut anzufühlen.

Tag 2: Weniger ist weniger, aber trotzdem besser.

 

Ich habe den anfänglichen Trainingsplan leicht angepasst und es heute damit versucht:

 

Übung Sets x Reps Anmerkungen
Bridge Push Ups 5 x 5 letzte Wdh. 3 Atemzüge halten
Cossack Squat breit 2 x 5 pro Seite letzte Wdh. 3 Atemzüge halten
Horse Stance 1 Min. Knie nach außen!
Beinheben im Sitzen beidbeinig 2 x (3 x 10) erste Runde: Beine breit, zweite Runde: Beine mittelbreit, dritte Runde: Beine geschlossen
Hüftbeugerdehnung aktiv im Stehen 2 x 8 letzte Wdh. 3 Atemzüge halten
Ellbow to toe 2 x 10 pro Seite letzte Wdh. 3 Atemzüge halten
Pancake 3 x 5 letzte Wdh. 3 Atemzüge halten

 

 

Tag 3: Muskelkater

Meine Brustwirbelsäule ist ein einziger, solider, verspannter Block. Zumindest fühlt sie sich so an. Ich muss Training langsamer angehen und lieber häufiger ein bisschen was machen, anstatt mich alle paar Tage komplett zu zerschießen. Der Trainingsplan wird sich die kommenden Tage immer wieder anpassen und verändern, bis ich eine passende Routine gefunden habe.

Heute habe ich beschlossen, die Brücke mit Beinen auf einer Erhöhung zu üben, um meine Lendenwirbelsäule weniger zu belasten und mehr Dehnung in die Bauchmuskeln zu bekommen, die mich gefühlt davon abhalten, meine Brustwirbelsäule zu strecken. 

Tag 6: Geduld macht sich schnell bezahlt?!

Ich setze das erste Mal konsequent um, was ich ständig predige: Mobility langsam und geduldig angehen. Das  Nervensystem beruhigen; ihm klar machen, dass der neue Bewegungsradius nicht gefährlich ist. In die Übungen rein-entspannen. Nichts erzwingen. Trotzdem konsequent dranbleiben.

Und siehe da, nach 6 Tagen bemerke ich schon Fortschritte, schneller als gedacht! Vor Allem in der Abduktion (Seitspagat). Anfangs immer ein unangenehmer Schmerz im rechten Hüftgelenk – der ist inzwischen so gut wie weg! Und meine Brustwirbelsäule bekommt langsam (sehr langsam) eine Idee davon, was “Streckung” bedeutet.

Über Faceook haben sich einige tapfere Mitstreiter/innen für die Challenge gefunden – das gibt zusätzlich Aufschwung! So kann’s weitergehen!

Tag 42: Disziplin oder so

Schlechte Nachrichten, gute Nachrichten, und eine wichtige Erkenntnis. Das war mein September.

Die schlechte Nachricht: ich hab’s schleifen lassen. Ich hab nicht jeden Tag die volle Routine durchgezogen, an manchen Tagen sogar gar kein Beweglichkeitstraining gemacht – Schande über mich und alle meine Vorfahren! Dabei sind Routinen, Gewohnheiten, Konsistenz, Dranbleiben ja das wichtigste… oder so.

Jetzt die gute Nachricht: ich hab wesentlich mehr Mobility gemacht, als sonst, und viel bedeutender: der ganze Kram fängt an, mir Spaß zu machen (!!??!?!). Das ist für mich so viel wichtiger, als eine 100 % Quote! Warum?
Weil ich es wahrscheinlich für lange Zeit immer irgendwo einbauen werde und dadurch garantiert meine Ziele erreiche – eine reine Frage der Zeit. Wenn ich dagegen ein paar Monate jeden Tag eisern durchgezogen hab und es danach scheiße finde, mache ich es nicht mehr regelmäßig und bin in ein paar Wochen wieder da, wo ich angefangen hab.

Klar wäre es cool, durchgezogen zu haben und dabei Spaß gehabt zu haben. Deswegen tu ich jetzt das einzig angemessene: mich in eine Ecke setzen, mich schämen und mich irgendwann zusammenreißen und beschließen “ich muss das doch hinbekommen”.

Oder ich tu das, was ich jedem meiner Kunden empfehle, wenn es mal nicht so gut läuft: hinschauen und verstehen. Wenn ich verstehe, kann ich verändern. Verstehen, was an den guten Tagen in mir und um mich passiert ist und welches ungedeckte Bedürfnis mich an den “schlechten” Tagen davon abgehalten hat, dranzubleiben. Verstehen, statt verurteilen.

Was mich an den mobilityfreien Tagen zurückgehalten hat, war Erschöpfung. Hartes Training am Vortag, Muskelkater, Speicher leer = nix Mobility. Das Bedürfnis, in Ruhe zu sein und mich zu erholen war an diesen Tagen also größer als das Ziel, beweglicher zu werden. Das eröffnet 3 Möglichkeiten:

  1. Ich sorge dafür, dass ich nicht mehr zu erschöpft vom Vortags-Training bin. (Keine Option.)
  2. Ich mache an Trainingstagen wesentlich mehr Mobility, sodass ich für den Erholungs-Tag vorarbeite.
  3. Ich finde einen Weg, mich beim Mobility-Training zu erholen und Energie zu gewinnen.

Mein erster Versuch ab heute wird eine Mischung aus mehr aktiver Mobility in meinen normalen Trainings und sehr entspannten, passiven Übungen an den Tagen dazwischen. Und dann schauen, wie mein Körper/Geist reagiert.

Mehr Disziplin zu fordern, bedeutet oft, noch mehr Energie in was zu versenken, was mit wenig Energie schon nicht rund läuft. Ja, du kannst einem Auto mit nur drei Rädern einen Turbolader einbauen, aber wahrscheinlich wirds dadurch nicht schneller, sondern nur schneller kaputt. Aber ja, Disziplin ist super mega hyper doll wichtig. Oder so.